Lehnitzer Geschichten: Bäckerei Knape

Ein irrer Duft von frischen Schrippen – Bäckerei Knape in Lehnitz

Von Bodo Becker

Ging ich bis 2004 in den Morgenstunden die Thomas-Müntzer-Straße entlang, so stieg mir (vorausgesetzt der Wind stand günstig) der Duft von warmen Backwaren in die Nase. Vor meinem geistigen Auge erschienen knusprige Schrippen, Kuchen und frische Pfannkuchen. Die Backstube der Bäckerei Knape, die hier fast achtzig Jahre ihr zu Hause hatte, verbreitete diese anregenden Gerüche. Der Standort war zum Zeitpunkt der Gründung des Geschäftes gut gewählt: Er lag an der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße mit einer gepflegten Parkanlage, die als Hauptstraße des noch jungen Gemeinwesen die bequemste Verbindung zwischen Bahnhof und Lehnitzsee darstellte.

Foto 1935 Archiv B. Becker Lehnitz Bäckerei

Foto, 1935. Konditorei & Café Weiß. Archiv B. Becker

Hier lebten die meisten, zum Teil gut situierten, Einwohner. Die Besucher des Restaurants und Badeanstalt ‚Seebad Lehnitz’ kamen hier vorbei. Und bog man nach einigen hundert Metern weiter in die Victoria-Straße (heute Magnus-Hirschfeld-Straße) ein, so erreichte man das größte Ausflugslokal am Lehnitzsee, das Restaurant ‚Zum Seelöwen’. In der bäckerlosen Vorzeit hatte Minna Selicke‚ von den Lehnitzern liebevoll Mutter Selicke genannt, das Amt der Brotversorgung bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts inne. Sie transportierte mehrmals wöchentlich mit einem von Hunden gezogenen Wagen die frischen Brotlaibe aus Oranienburg zur Lehnitzer Kundschaft. Dabei versorgte sie ihre Kundinnen nicht nur mit dem wichtigen Nahrungsmittel, sondern auch mit den neuesten Nachrichten. Zeitweilig backte nach 1918 im Keller des Restaurants ‚Lehnitz-See’ am Gutsplatz August Dannemann ohne eigenen Laden. Für die rasch wachsende Lehnitzer Einwohnerzahl (1925=497; 1933=801), hinzu kamen die vielen Wochenendsiedler und Erholungssuchenden in den Sommermonaten, reichte das Versorgungsangebot jedoch schon lange nicht mehr aus. Auguste und Rudolf Weiß nutzten die günstige Situation und eröffneten im Jahre 1928 die ‚Konditorei & Café Weiß’. Zum Geschäft gehörten eine Café-Stube und ein Café-Garten, wo man in gemütlicher Atmosphäre neben Kuchen und Kaffee auch alkoholische Getränke genießen konnte. Auguste Weiß stand mit ihrer Tochter Margarete (geb. 1910) im Laden und bediente die Kunden, derweil der Konditormeister mit drei Gesellen in der Backstube für immer frische Ware sorgte.

Weiß (sitzend) mit Frau Auguste und Tochter Margarete, 1928. Foto: Archiv B. Becker Bäckerei Lehnitz

Weiß (sitzend) mit Frau Auguste und Tochter Margarete, 1928. Foto: Archiv B. Becker

Bis zum Jahre 1981 leistete der damals errichtete Backofen seine Dienste. Für die Wärme und den notwendigen Wasserdampf verbrauchte er monatlich drei bis vier Tonnen Brikett. Wenn Not am Mann war, half  Tochter Margarete beim Ausfahren von Schrippen mit dem Fahrrad. Auch das ‚Jüdische Erholungsheim Lehnitz’ am nördlichen Ortsausgang in der damaligen Viktoria-Straße gehörte zu den Großkunden. Die Lehnitzer Einwohner und Erholungsgäste waren zufrieden mit ihrer neuen Bäckerei und dem Café. Seit dem der Berliner Vorortverkehr mit der elektrifizierten S-Bahn im 20-Minuten-Takt nach Oranienburg fuhr (ab Sommerfahrplan 1927), stieg die Zahl der Besucher ständig an. So nutzten z.B. im ersten Geschäftsjahr nahezu 9000 Berliner die beiden Pfingstfeiertage, um am Lehnitzsee den Frühling zu genießen. (Briesetal-Bote, 31. Mai 1928, Anzahl der abgenommen Fahrkarten) Das Geschäft lief gut. Zum geschäftlichen Wohlergehen stellte sich auch bald persönliches Glück für die Familie ein. Margarete lernte Kurt Knape, einen Bäckersohn aus Hermsdorf, kennen. 1936 schloss das junge Paar den Bund fürs Leben. Im gleichen Jahr übernahm das frischgebackene Ehepaar das Geschäft.

Warentransport mit Lehrling und Tochter Margarete, 1935. Foto: Archiv B. Becker

Warentransport mit Lehrling und Tochter Margarete, 1935. Foto: Archiv B. Becker

Die Gründerfamilie Weiß eröffnete in ihrem Wohnhaus an der Oranienburger Chaussee/Ecke Baumschulenweg eine Filiale und war damit für die Bewohner südlich der Bahnschranken besser zu erreichen. Fast vierzig Jahre lang vollzog sich die Belieferung der Filiale (sie wurde 1975 geschlossen) mehrmals täglich  mit einem  dreirädrigen Fahrrad, das mit einem geschlossenen Kastenaufbau versehen war. Je nach Bedarf konnten hier bis zu 30 Brote, 150 Schrippen und Kuchen befördert werden.  Ältere Lehnitzer werden sich an dem mitleidigen Anblick noch gut erinnern, wenn der Fahrer nach einem Zwangsaufenthalt vor den geschlossenen Schranken des Bahnüberganges mit angestrengtem Gesichtsausdruck in die Pedalen treten musste, um das Gefährt mit der schweren Last wieder in Fahrt zu bringen. Wie man es von den ansässigen Handwerkern und Gewerbetreibenden erwartete, wurde Kurt Knape Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Lehnitz. Seine Mitgliedschaft und das Geschäft schützten ihn davor, Soldat zu werden.

1940 kam Wolfgang, der gewünschte Stammhalter auf die Welt. Den Zweiten Weltkrieg überlebten Haus und Geschäft ohne materielle Schäden. Die ersten Jahre nach 1945 brachten Versorgungsprobleme bei gleichzeitigem Ansteigen der Lehnitzer Einwohnerschaft mit sich. Im November 1945 kamen 35 000 deutsche Flüchtlinge aus Polen und der Tschechoslowakei in den damaligen Kreis Niederbarnim. Lehnitz sollte davon 200 Personen zur Unterbringung und Versorgung erhalten. Das stellte die Gemeindeverwaltung vor erhebliche Probleme. Zum ständigen Mangel an Mehl kamen die fehlenden Kohlen. Im August 1945 wurde noch das Holz einer Panzersperre verheizt. Danach holte man Nachschub aus dem Lehnitzer Forst. Bis zu 300 qm Holz, gestapelt in zwölf Mieten auf dem Hof der Bäckerei, lieferten die notwendige Wärme zum Backen. Später musste sich die Bäckerei zunächst mit Braunkohle begnügen. Die war so feucht, dass Schlossermeister Erwin Baer zum Trocknen ein Gebläse baute. In den 1950er Jahren verbesserte sich die Situation. Mit zeitweilig zehn Gesellen konnten bis zu 1000 Brote am Tag gebacken werden. An den Wochenenden war es üblich, dass die Hausfrauen ihre Kuchen zum Backen in die Bäckerei brachten. Der Verfasser sieht noch heute die vielen Kuchenbleche im Spätsommer mit frischen Pflaumenkuchen in der Backstube stehen. Obwohl die Erholungssuchenden aus Berlin in Scharen wieder an den Lehnitzsee kamen, blieb der Café-Betrieb für immer geschlossen. Einzig der Verkauf von Flaschenware jeglicher Art – auch Bier und Schnaps – über den Ladentisch blieb als Relikt aus der „Café-Zeit“ bis 2004 bestehen.

In der Backstube, 2004. Foto: Archiv. B. Becker / Bäckerei Lehnitz

In der Backstube, 2004. Foto: Archiv. B. Becker

Wolfgang Knape absolvierte seine Bäcker- und Konditorlehre von 1954 bis 1957 im elterlichen Betrieb. Vier Jahre später erhielt er den Meisterbrief zum Bäcker und Konditor. Auch er trat 1964 in die Freiwillige Feuerwehr ein. Bis 1997 hatte er zeitweilig die Funktion des Ortswehrführers inne. Zum aktiven Brandschutz kam ein weiteres Hobby – das Fußballspielen. Wenn es die Zeit zuließ, sah man ihn gemeinsam mit den Gesellen „bolzen“. Doch nicht nur damit wurde die Freizeit verbracht, wie die Heirat mit der Erzieherin Gundela Fellmann im Jahre 1965 vermuten lässt. Als das junge Ehepaar zwei Jahre später das Geschäft übernahm, hatte sich Gundela Knape in ihre neuen Lebensaufgaben als Geschäftsfrau und Mutter (Tochter Evelyn) bereits eingearbeitet.

Bäckerei Lehnitz Gundela und Wolfgang vor dem Backofen, 2004. Foto: Archiv. B. Becker

Gundela und Wolfgang vor dem Backofen, 2004. Foto: Archiv. B. Becker

Es folgten Jahrzehnte mit viel Arbeit, die eine Bäckerei so mit sich bringt. Der Arbeitstag begann in der Backstube um 2.30 Uhr und im Laden um 6.00 Uhr. Zu  250 Brote und bis zu 8000 Schrippen an den Samstagen in den Sommermonaten kamen Blechkuchen, Torten und weiteres Gebäck. Die niedrigen Preise, z.B. ein Brot 93 Pfennig, eine Schrippe 5 Pfennig, eine Schnecke 10 Pfennig, ließen den Bedarf ansteigen. So manche Lehnitzer Hauskaninchen und  Hühner wurde von dem Brot gleich mit großgezogen. An den Samstagen in der Frühe bildeten sich lange Schlangen, im Volksmund „sozialistische Wartegemeinschaften“ genannt, vor dem Geschäft. Neidische Blicke folgten den privilegierten Kunden, die an den Wartenden vorbei ihre bestellte Ware abholen konnten. In die Backstube führte so mancher Anlass die Männer nach Feierabend zu einem gemütlichen Plausch mit einer Flasche Bier zusammen. Nach 1989 kam für das Bäckerhandwerk im Osten neben technologischen Veränderungen auch die Konkurrenz mit den industriellen Großbäckereien. Die Folgen waren für den Verbraucher mehr Warenvielfalt, jedoch nicht zwangsläufig bessere Qualität und steigende Preise. Viele Familienbetriebe konnten  nicht mithalten und mussten schließen.  Im September 1993 meldete das ‚Deutsche Institut für Ernährungsforschung’ in Potsdam-Rehbrücke aus seinen Riech- und Schmecklabors: „Wir  Brandenburger vermissen am meisten die alte ‚DDR-Schrippe’. Nicht die großen, aufgeblasenen Brötchen mit Sesam-, Mohn-, Käse-, Drei- oder Vierkorngrundlage, sondern die kleinen Dinger, knusprig, knackig und mit Biss sind dem Verbraucher ans ostdeutsche Herz gewachsen. Immer wieder werden die Bäcker gefragt, woran die Geschmacklosigkeit der ‚Neuen’ liegt. Am Mehl, sagen die einen. Am Treibmittel, sagen die anderen. Oder die neuen Öfen wären schuld. Warum in aller Welt nehmen sie dann dieses Mehl, diese Treibmittel und kaufen sich neue Backöfen?“ Wolfgang Knape war ein Vertreter der Backofen-These. Seiner, aus dem Jahre 1981, bescherte den Kunden trotz westlicher Schrippenvielfalt immer auch Schrippen mit den gepriesenen Osteigenschaften.

Ladencharme vergangener Zeit, 2004. Foto: Archiv B. Becker

Ladencharme vergangener Zeit, 2004. Foto: Archiv B. Becker

Doch nicht nur da lagen die Stärken der Bäckerei Knape. Zum letzten Mal stellte sie Wolfgang Knape in der „Fünften“ Jahreszeit der Karnevalisten 2003/2004 unter Beweis. Statt der üblichen Tagesanzahl von 40-50 Pfannkuchen wurden an solchen Höhepunkten 500 Stück täglich gebacken. „Aus gutem Hefeteig mit viel Eiern, um den berühmten Eierrand hinzukriegen“,  verriet er in einem Interview dem „Oranienburger Generalanzeiger“.

Wolfgang und Gundela Knape gingen im Frühjahr 2004 in den verdienten Ruhestand; das Feuer unter dem  Backofen erlosch für immer. Die Lehnitzer gönnten es ihnen mit Wehmut im Herzen. Doch es gab auch Anlass zur Freude: Nach wenigen Wochen eröffnete das „Lehnitzer Backkörbchen“ mit der Inhaberin Ellen Speer seine Pforten. Leider ist dies auch schon wieder Geschichte.

 

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