Zwölf Jahre warten auf eine Brücke: Die „Lehnitzer-Brücke“ über den Oder-Havel-Kanal.

Teil 2. Der schwierige Weg zum Erfolg.

Von Bodo Becker

Am 27. Mai 1950 wandten sich die Gemeindevertreter an den Rat des Kreises Niederbarnim. Sie forderten finanzielle Unterstützung für die Anschaffung einer Fahrzeugfähre. Schon drei Wochen später antworteten die Verantwortlichen des Rates mit einer Absage: Die Verwaltung könne keine Gelder zur Verfügung stellen. Die Lehnitzer versuchten es in den folgenden Jahren mit Briefen an zuständige Ämter oder Zeitungszuschriften, z.B. an die Gewerkschaftszeitung „Tribüne“: „Wir werden alles unternehmen, um die Fähre im Frühjahr 1952 in Betrieb zu nehmen“, schrieb der Rat der Stadt Oranienburg im Februar 1952 an die Zeitung. Dabei blieb es. Es gingen noch mehr als zwei Jahre ins Land und Wahlen standen vor der Tür.


Foto: Lehnitzer Oberschüler nach Oranienburg, vorn W. Brüssow. Archiv Becker

Die Lehnitzer Gemeindevertreter wähnten sich in einer günstigen Situation und nahmen einen erneuten Anlauf. Diesmal wollte man Nägel mit Köpfen machen! In einem mehr als zweiseitigen Brief an den stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht schrieben sich die Vertreter am 18. September 1954 ihren ganzen Ärger von der Seele. Sie berichteten unter anderem von den vielen nicht eingehaltenen Zusagen, sogar von einem Referenten des zuständigen Ministers auf einer öffentlichen Einwohnerversammlung; den Hinhaltungen der Räte der Kreise Niederbarnim und (ab1952) Oranienburg sowie der Stadt Oranienburg. Der Hinweis auf den kürzesten Verbindungsweg zwischen dem Norden der Republik mit dem „demokratischen“ Sektor Berlins (gemeint war der Ostsektor) über Oranienburg sollte die gesamtstaatliche Bedeutung der fehlenden Brücke hervorheben. Mit Blick auf die „kommenden Volkswahlen am 17. Oktober“ wünschten sich die Volksvertreter abschließend „eine bald mögliche Beantwortung bzw. Stellungsnahme.“ Zwei Tage vor den Wahlen ging die Stellungnahme des Sekretariats Ulbricht bei der Gemeindeverwaltung ein. Die Antwort war enttäuschend. Was die Lehnitzer Briefschreiber schon wussten, bekamen sie nun schriftlich von höchster Stelle: Brücken und Straßen kosten viel Geld und Material; qualifiziertes Fachpersonal werde benötigt; der Bau kann nur im Rahmen des staatlichen Planes erfolgen. Doch die Angelegenheit war auf Ministeriumsebene ins Rollen gekommen. Zusätzlich engagierten sich prominente Lehnitzer im Hintergrund für die Angelegenheit. Ernst Wollweber, bis 1953 Lehnitzer Einwohner, war bis zu seinem Wegzug aus der Gemeinde Staatssekretär im Ministerium für Verkehrswesen. Oder Hans Loch, bis 1955 Finanzminister der DDR, der ebenfalls in Lehnitz wohnte. In einem Schreiben des Staatssekretariats für Kraftverkehr und Straßenwesen vom 24. November 1954 wurde den Räten in Oranienburg und Lehnitz die zeitliche Planung für den Brückenbau aufgezeigt. Danach sollte die Verkehrsübergabe der neuen Brücke Mitte 1957 erfolgen. Bis dahin schlugen sie den Einsatz einer Fahrzeugfähre vor, deren Bau im Investitionsplan 1955 festgelegt wurde.


Foto: Mit der hölzernen Personenfähre nach Lehnitz, 1. Hälfte 1950er Jahre. Archiv Becker

Endlich, nach zehn Jahren, konnte die Personenfähre ihren Dienst im Herbst 1955 einstellen. Die Fährmänner nahmen im Oktober 1955 den Betrieb mit einer stählernen Fahrzeugfähre auf. Die Betriebszeit begann täglich um 5.00 Uhr und endete um 22.00 Uhr. Einige Beispiele aus der noch vorhandenen Liste der Fährgeldtarife vermitteln uns einen Einblick in den Umfang der Beförderung: Erwachsene (10 Pf), Kinder bis 10 Jahre (5 Pf.), Pferdefuhrwerke (75 Pf.), Weidevieh in Herden zu fünf Stück (1 DM), Personenauto (1 DM), Lastkraftwagen und Trecker (1 DM), Gepäckstücke aller Art (5 Pf.), Kinderwagen mit Kind (10 Pf) für jeweils eine Überfahrt. Sparsame Nutzer konnten Wochenkarten erwerben. An einem Stahlseil über den Kanal, das zur Überfahrt gespannt wurde, zog der diensthabende Fährmann mit einer „Kralle“ die Fähre auf die jeweils andere Seite. Diese sehr kräftezehrende Arbeit brachte den Fährmännern neben dem Fährgeld zusätzlich Bewunderung und einen hohen Bekanntheitsgrad ein. Näherte sich ein Schiff der Fährstelle, musste das Seil abgesenkt werden. Gelang dies nicht mit der notwendigen Tiefe, bestand die Gefahr, dass sich das Schiff im Seil verfing. In solchen Fällen ruhte der Verkehr für einige Stunden, was immer wieder Anlass zu Beschwerden von Schiffsführern war. Für Fußgänger und Radfahrer kam dann wieder die Personenfähre zum Einsatz.


Foto: Überfahrt der Silbernen Hochzeits-Gesellschaft von Elektromeister Otto Stache. Archiv Becker


Foto: Die Fahrzeugfähre im Einsatz kurz vor der Brückeneinweihung. Archiv Becker

Im Dezember 1955 lag die Konstruktionszeichnung für den Brückenneubau im Auftrag des Rates des Bezirkes Potsdam vor. Die Projektierungsarbeiten waren damit weitestgehend abgeschlossen. Weil aber die geplanten Gesamtkosten bei ca. 1,3 Mill. DM lagen, sollte die Bauzeit auf zwei Planjahre verteilt werden. Die Realisierung des Vorhabens wurde darum Bestandteil der Investitionspläne 1956 und 1957. Die Bauausführung lag in den Händen der Stahlbaufirma „Beuchelt & Co. Könnern (Saale)“. Sie hatte sich mit dem Wiederaufbau zerstörter Brücken in der damaligen DDR bereits einen Namen gemacht. Verantwortlicher Bauleiter war der Lehnitzer Brückenbauingenieur Erwin Loch, der unter anderem bereits den Neubau der Havelhausener Brücke geleitet hatte. Im Verlauf des ersten Bauabschnitts (1956) wurden die alten Brückenfundamente abgerissen und der neue Unterbau aus Stahlbeton erstellt. Zunächst überspannten nur zwei Doppel-T-Träger den Kanal. Die eigentliche Stahlkonstruktion des Überbaus wurde auf der Lehnitzer Uferseite genietet und anschließend auf die Oranienburger Seite gezogen. Endlich, nach annähernd zwei Jahren Bauzeit, fand kurz vor Weihnachten 1957 die Einweihung der neuen Brücke statt. An der Feier nahmen die Fährmänner nicht teil – sie waren nicht rechtzeitig benachrichtigt worden! Ihre schwere Arbeit für die Allgemeinheit hatte ein Ende gefunden.


Foto: Die neue Brücke überspannt die Wasserstraße. Die Fähre hat bald ausgedient. Archiv Becker