Gustav und Karl Grütter – Unternehmer als Siedler

Von Bodo Becker

Ein Foto aus den 1880er Jahren zeigt uns das wohlhabende Ehepaar Gustav und Auguste Grütter vor dem alten Bahnhof der Nordbahn in Oranienburg. Die Familie gehörte zum alteingesessenen Wirtschaftsbürgertum. Der Vater, Adolph Heinrich Grütter, hatte am Luisenplatz, dem jetzigen Schlossplatz, eine Färberei begründet. Die Inschrift über den Eingang des dort gelegenen Wohnhauses wies ihn als national gesinnten Oranienburger Bürger aus: „Dem Wohle der Stadt und des Vaterlandes“. Am 4. Juli 1836 kam Karl zur Welt. Bereits am 1. Dezember 1837 folgte Gustav als zweiter Stammhalter der Familie. Beide Söhne mehrten den Familienbesitz und gelangten schon früh zu Anerkennung und politischen Einfluss. Karl Grütter übernahm 1870 den Vorsitz der Genossenschaftsbank Vorschussverein Oranienburg, der späteren Oranienburger Bank. Seit 1873 sind die Brüder Eigentümer des Gutsbezirks Lehnitz. Gustav Grütter  beteiligte sich an den Verhandlungen mit der Deutschen Eisenbahn-Baugesellschaft, die als Berliner Stadteisenbahn-Gesellschaft 1872 den Bau der Stadtbahn begann. Es ging um die Einrichtung von Bahnhöfen. Am 10. Juli 1877 verkehrte der erste fahrplanmäßige Zug der Nordbahn. 1880 pendelten täglich sechs Züge zwischen Oranienburg und dem Stettiner Bahnhof. Drei Züge hielten bei Bedarf in Lehnitz. 58 Einwohner ermittelte die amtliche preußische Gemeindezählung des Jahres 1871. Sie lebten mehrheitlich im Bereich des heutigen Gutsplatzes von der Landwirtschaft und vom Fischfang.

Fam. Grütter vor dem Oranienburger Bahnhof, vor 1900 (Archiv B. Becker)

Für diese kleine Anzahl von Lehnitzer Bürgern hatte Gustav Grütter den Lehnitzer Haltepunkt nicht verhandelt. Als echte Vertreter der Gründerzeit verfolgten die Grütters größere Ziele. Die Wiesen und kargen Felder wurden aufgeforstet. 1889 schlossen sie die Planungen für die Parzellierung des ehemaligen Gutsgeländes mit der Erstellung  eines „Situationsplans des Landhäuser-Bauterrains Lehnitzsee“ ab. Lehnitz sollte zu einem Villen- und Erholungsort der nahen Reichshauptstadt Berlin werden. Die geplante Villensiedlung erstreckte sich zwischen dem östlichen Ufer des Lehnitzsees und dem Königlichen Forst. Dabei reichte die Parzellierung nicht bis zum unmittelbaren Uferstreifen – der sollte für alle offen bleiben. Die annähernd 300 vermessenen Parzellen in bester Lage warteten auf finanzkräftige Käufer. Gustav Grütter baute sich eine Villa im Landhausstil an der Kaiser-Wilhelm-Strasse (heute Friedrich-Wolf-Strasse 15). Lehnitzsee, Wälder und Restaurants sollten die Erholung suchenden Großstädter an den Wochenenden anlocken. Gustav Grütter selbst ließ 1892 das Restaurant Zum Seelöwen errichten. Bis 1895 entstanden in Lehnitz fünf Restaurants mit einem vielfältigen Angebot. Die Brüder Grütter legten mit ihrem Handeln die Grundlagen für die Entwicklung unseres Ortes im 20. Jahrhundert. Auf dem Oranienburger Friedhof findet man in der Reihe der Erbbegräbnisstätten auch das imposante Grabmal der Familie Grütter.

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