Lehnitzer Geschichten: Karl Marx und Lehnitz

Aus aktuellem Anlass (5. Mai, Geburtstag Karl Marx):

Der Lehnitzer Karl-Marx-Platz

Von Bodo Becker

Ja – Lehnitz hat ihn immer noch: Seinen Karl-Marx-Platz! Was die Verantwortlichen vor mehr als 60 Jahre veranlasst hat, eine unbefestigte, nur mit einigen Bäumen und Büschen bewachsene rechteckige Fläche mit diesem Namen zu bedenken, bleibt wohl für immer ein Mysterium der Marx-Verehrung im realen Sozialismus.

Die dunkle Entstehungsgeschichte des Platzes gegen Ende des Zweiten Weltkrieges kann es nicht gewesen sein, denn dann hätte er einen Namen mit antifaschistischer Aussage erhalten. Vielleicht wollte man sich auch nur motivieren, den Sandplatz mit Koniferen und Rasen ansehnlich zu gestalten. Doch dazu hat die Achtung vor dem Namen des universellen Denkers aus dem 19. Jahrhundert bis heute nicht ausgereicht. Nur den Gärten vor den niedrigen Häusern, die den Platz umgrenzen, sieht man gärtnerische Pflege an. Eine hinführende Sandstraße mit einem Straßenschild weist allein den Karl-Marx-Platz aus. Er liegt inmitten eines Waldstücks, das – umschlossen von Straßen mit Tiernamen – bis 1943 noch dem Forstfiskus gehörte. Hier begannen ab Februar 1944 die Bauarbeiten für die so genannte „Waldsiedlung – Süd“. Die  “Deutsche Stein- und Erdwerke G. m. b. H.” (DEST), zum Wirtschaftsimperium der SS gehörend, wollte hier für dringend benötigte Rüstungsarbeiter 20 Doppelhäuser aus Holz als Werksiedlung errichten lassen. Die Holzhäuser mussten jedoch aufgegeben werden, weil es an entsprechendem Holz fehlte. Man entschloss sich daher, mit Steinen zu bauen.

Die „Großziegelei Oranienburg“ (bis 1942 Klinkerwerk) der DEST übernahm die Lieferung, doch fehlte es an den nötigen Arbeitskräften für den Hausbau. Nun machte eine Bauleitung der Waffen-SS, die eine angrenzende SS-Siedlung (nördlich des Drosselweges) für ausgebombte SS-Angehörige errichten wollte, der DEST-Bauleitung ein Angebot. Sie würden Häftlinge des KZ Sachsenhausen zur Verfügung stellen, wenn die Großziegelei ihrerseits auch für die SS-Siedlung die Mauerziegel lieferte. So kam es, dass die Lehnitzer ab 1944 täglich ausgemergelte Häftlinge, bewacht von SS-Leuten, durch den Ort zur Baustelle im Südgelände marschieren sahen. Zu den täglichen Zählappellen am Morgen und Abend mussten die Häftlinge auf dem besagten rechteckigen Platz antreten. Hier lagerten auch die nötigen Baumaterialien. Die heranrückende Front, Bombenangriffe und ausbleibender Materialnachschub erschwerten den Fortgang der Zwangsarbeit und brachten sie spätestens Anfang 1945 zum Erliegen. Die Erstbewohner fanden daher ihr künftiges Zuhause nur in einem halbfertigen Zustand vor. Das betraf u.a. nicht vorhandene Dielen und fehlende Versorgungsanschlüsse.

Obwohl sich die nachkommenden Eigentümer mit viel Eigeninitiative ein Heim im Grünen geschaffen haben, erkennt man die nur mit Erdgeschoss und Satteldach gebauten Häuser noch heute sofort. Vielleicht bestanden die Anwohner auch gerade deshalb im Jahre 2005 auf den Erhalt ihres Kietznamen „Karl-Marx Platz“.

Die westliche Seite des Karl-Marx-Platzes. Foto: B. Becker

Die westliche Seite des Karl-Marx-Platzes. Foto: B. Becker

 

 

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